Wien und die Jugend: Parallelen zwischen Musik, Unternehmertum und Start-up-Mythen: Paavo Järvi und die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen überraschten das Wiener Publikum mit einem klug gebauten Programm. Franz Schuberts Symphonie Nr. 5 (D 485), Richard Strauss’ selten gespieltes Violinkonzert d‑Moll (op. 8) und Schuberts „Kleine C‑Dur“ (D 589). Drei Werke bei denen die Urheber noch keine 20 Jahre alt waren. Beide waren früh davon überzeugt Komponisten zu werden. Strauss als 17-jähriger Teenager (er schrieb, vom Unterricht gelangweilt, das Violinkonzert in sein Lateinheft) und Schubert in seinen jungen Wiener Jahren. Ein ganzer Abend, im Wiener Konzerthaus am Samstag, den 13. Dezember, als Erinnerung daran, wie viel Power, Freude und Innovationswille in Jugendwerken steckt.
Ein bemerkenswerter Konzertabend, gerade in Wien, wo die Jugend – künstlerisch wie unternehmerisch – bisweilen unterschätzt wird. Aus meinen Business Coachings weiss ich, dass sich hier in Wien immer noch die Erzählung hält, wirklich interessante Start-ups entstünden nur in den USA oder in Israel, während heimische Gründungen leicht übersehen werden. Schubert und Strauss zeigen: Kraft und Innovation hat kein Mindestalter: Manchmal entsteht Entscheidendes erstaunlich früh.

Zusammenspiel als Schlüssel: Wenn ein Orchester hörbar als Einheit denkt
Als Solistin erlebten wir Alena Baeva (Violine): technisch glasklar, musikalisch präsent, ohne „Effekt um des Effekts willen“. Was mich besonders beeindruckte, war das Zusammenspiel: ein Orchester, das nicht nur hervorragend spielt, sondern hörbar als Einheit denkt. Der Applaus‑Moment, in dem Dirigent und Solistin sich vor dem Publikum verneigen, ist dafür mehr als Ritual: Er macht sichtbar, dass Leistung im Konzert wie im Unternehmen nie allein entsteht.
Vor und nach dem Konzert ging es – wie angekündigt – zum Get‑together in den Wotruba‑Salon. In einer Runde von Förderer:innen und Unternehmer:innen ergab sich die Gelegenheit, mit dem Dirigenten, einzelnen Musiker:innen und dem Management persönlich zu sprechen. Paavo Järvi erzählte, dass ihn mit dem Orchester eine mehr als 20‑jährige Zusammenarbeit verbindet – eine Beziehung, die sich über Jahre aufbaut und dann auf der Bühne in Sekunden abrufbar wird. Als jemand ihm ein Kompliment machte, gab er es an sein Publikum zurück: „It needs two to Tango!“. Er sagte, dass er über viele Jahre auch eine Beziehung zu seinem Wiener Publikum aufgebaut hat und wie bedeutsam das für seine Arbeit als Dirigent hier im Konzerthaus ist.

In meinen Führungskräfte Coachings spreche ich oft über Co‑Creation: Führung ist kein Solo, sondern ein Zusammenspiel. Ohne Resonanz im Team kein Erfolg – weder auf der Bühne noch im Markt. Dieses Konzert war ein Lehrstück darüber, wie man Resonanz erzeugt: durch gelebtes Vertrauen, klare gemeinsame Standards und die Bereitschaft, im Moment Verantwortung zu übernehmen.
Besonders bemerkenswert ist die Organisationsform der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen: Das Orchester gehört den Musikerinnen und Musikern selbst; sie sind die Unternehmer:innen die das Management beauftragen.

Im Gespräch mit Geschäftsführer des Orchesters Albert Schmitt – einem herausfordernden, hochkompetenten Gesprächspartner an der Schnittstelle von Unternehmensführung, Teamdynamik, Mathematik und Musik- wird das greifbar. In seiner Einführung sprach er auch über die Musiker:innen: Jede(r) von Ihnen könnte die Stücke auch alleine spielen, das ist die beste Voraussetzung für ein perfektes Zusammenspiel. Was für eine passende Metapher zur Arbeit in Hochleistungsteams. Jede(r) könnte zu jeder Zeit Verantwortung für das Gesamte übernehmen, muss es aber nicht, weil eine kompetente Führung vorhanden ist.
Was nehme ich – auch für meine Arbeit mit Führungskräften und Familienunternehmen – aus diesem Abend mit?
1. Inhaber(in) zu sein schafft Haltung: Wer (mit)besitzt, denkt langfristiger und übernimmt anders Verantwortung.
2. Beziehung ist Vermögen: 20 Jahre Zusammenarbeit sind strategisches Kapital.
3. Werte und Standards befreien: Je klarer das Qualitätsverständnis, desto mutiger die Interpretation.
4. Kunden sind Mitspieler: „Two to Tango“ gilt auch für Familienunternehmen – ohne Anschlussfähigkeit bleibt Exzellenz wirkungslos.
Wien war an diesem Abend hingerissen – als jahrelange Fans des Orchesters denken wir: Sie haben es wieder getan. Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen hat das Publikum begeistert und verzaubert.
Alle Fotos: Robert Waldl


