Gefühle in Organisationen: Was meine Keynote in Mainz mit Führungskräfte Coaching zu tun hat

Beim 26. Jahreskongress der GwG – Gesellschaft für Personzentrierte Psychotherapie und Beratung – in Mainz durfte ich als Hauptredner eine Keynote halten. Das Thema klingt zunächst untypisch für die Welt der Organisationen: Gefühle. Und doch führt von dort eine direkte Linie zu meiner täglichen Arbeit im Führungskräfte Coaching. Denn die Frage, die ich auf die Bühne gebracht habe, stellt sich heute in jeder Führungsetage – meist unausgesprochen.

Keynote beim 26. GwG-Jahreskongress in Mainz.

„Funktionieren oder Fühlen?“ – eine falsch gestellte Frage

In Organisationen herrscht oft eine stille Übereinkunft: Hier wird gearbeitet, nicht gefühlt. Strategien, Kennzahlen, Prozesse – das gilt als das eigentliche Geschäft. Gefühle erscheinen als Störgröße, bestenfalls als Privatsache.

Meine Keynote setzt genau hier an. Die scheinbare Alternative „Funktionieren oder Fühlen?“ ist falsch gestellt. Die moderne Neurowissenschaft – von António Damásios somatischen Markern bis zu den Arbeiten Eric Kandels – zeigt deutlich: Ohne Gefühl gibt es keine vernünftige Entscheidung. Gefühl ist nicht der Gegenspieler der Vernunft, sondern ihre verkörperte Form. Wer als Führungskraft den Zugang zu Gefühlen – den eigenen wie denen des Teams – verliert, verliert nicht an Effizienz vorbei, sondern verliert die Grundlage guter Entscheidungen.

Im Coaching erlebe ich das immer wieder: Der Zugang zu Gefühlen kostet keine Leistungsfähigkeit. Er ermöglicht sie langfristig erst.

Die Personzentrierte Systemtheorie als Fundament

Den theoretischen Boden für diese Sicht liefert die Personzentrierte Systemtheorie, wie sie mein Lehrer Jürgen Kriz entwickelt hat. Sie verbindet zwei Perspektiven, die in der Praxis meist getrennt bleiben: den Blick auf die Person mit ihrem subjektiven Erleben – die humanistische, Rogers’sche Tradition – und den Blick auf das System mit seinen Dynamiken und Wechselwirkungen.

Was ich an diesem Ansatz so schätze: Er liefert keine Schablonen, sondern eine Landkarte. In der Arbeit mit Führungskräften unterscheide ich vier Prozessebenen – die personale, die interpersonelle, die organisationale und die gesellschaftlich-kulturelle. Diese Ebenen sind immer gleichzeitig wirksam und beeinflussen sich gegenseitig. Wenn eine Führungskraft unter Druck steht, reicht es nicht, nur auf die Person zu schauen. Vielleicht liegt das Problem in der Organisationsstruktur – vielleicht in gesellschaftlichen Erwartungen an Führung, die längst überholt sind.

Es war mir eine besondere Freude, dass Jürgen Kriz bei genau dieser Veranstaltung mit der Ehrenmitgliedschaft der GwG gewürdigt wurde. Seine Theorie ist das Fundament meiner eigenen Arbeit – ihn so geehrt zu sehen, hat mich berührt.

Jürgen Kriz, der Begründer der Personzentrierten Systemtheorie, bekam bei diesem Meeting die Ehrenmitgliedschaft in der GWG verliehen.

Drei Anwendungsfelder: Führungskräfte Coaching, Supervision, Familienunternehmen

In meinem Vortrag habe ich gezeigt, wie sich dieses Fundament in drei Feldern entfaltet, in denen ich arbeite.

Führungskräfte-Coaching

Führung findet heute in einem Umfeld statt, das sich laufend verändert. Die häufigsten Fragen, mit denen Führungskräfte zu mir kommen, lauten: Wie führe ich in dauernder Unsicherheit? Wie schaffe ich eine Kultur, in der Menschen Eigenverantwortung übernehmen wollen – und können? Wie bleibe ich handlungsfähig, ohne auszubrennen? Hinter diesen Anliegen stehen genuin emotionale Themen – der Umgang mit Unsicherheit, Konflikt und Beziehung. Genau dafür ist die psychotherapeutische Kompetenz das beste Fundament. Mein Führungskräfte-Coaching hilft, ein Problem zuerst auf der richtigen Ebene zu verorten, statt es vorschnell zu personalisieren.

Supervision und Teamcoaching

Auf der interpersonellen Ebene werden Atmosphären spürbar, lange bevor sie ausgesprochen werden. Supervision und Teamcoaching machen diesen Resonanzraum bearbeitbar: Was in der Luft liegt, lässt sich benennen – und damit verändern.

Beratung von Familienunternehmen

Nirgendwo greifen personale Bindung, System und Generationenfolge so eng ineinander wie im Familienbetrieb. Hier ist die Vier-Ebenen-Landkarte besonders wertvoll, weil sie sichtbar macht, was familiär und was unternehmerisch ist. Mehr dazu auf meiner Seite zur Beratung von Familienunternehmen.

Steuern oder einwirken?

Ein zentraler Gedanke der Keynote: Organisationen lassen sich nicht steuern wie eine Maschine. Aber sie lassen sich beeinflussen. Wer ein Problem auf der richtigen Prozessebene verortet, kann zwar nicht kontrollieren – aber gezielt und bedingt einwirken. Diese Unterscheidung zwischen steuern und einwirken ist für Führungskräfte oft eine echte Entlastung: Sie nimmt den unmöglichen Anspruch der totalen Kontrolle und gibt zugleich konkrete Hebel zurück.

Mein Dank

Dass aus einem Kongress über Gefühle selbst eine so lebendige, herzliche Begegnung wurde, war das eigentliche Geschenk dieser Tage. Mein Dank gilt den Kolleginnen und Kollegen für die rege Diskussion und dem Organisationsteam für diese wunderbare Begegnungsmöglichkeit.

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